12 Denn obgleich ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet, habt ihr es wieder nötig, dass man euch lehrt, was die Anfangsgründe der Aussprüche Gottes sind; und ihr seid solche geworden, die Milch nötig haben und nicht feste Speise.
13 Wer nämlich noch Milch genießt, der ist unerfahren im Wort der Gerechtigkeit; denn er ist ein Unmündiger. (Hebr 5:12, Schlachter)
Die Bibel kennt dieses Konzept zwar nicht unter diesem philosophischen Begriff, beschreibt aber den Zustand der geistlichen Unreife, Passivität und des mangelnden Urteilsvermögens als Folge von Faulheit, Angst und geistlicher Blindheit.
Gedanken zum Tag:
– Was macht meine selbstverschuldete Unmündigkeit mit mir?
– Lässt sie mich vor Jesus, vor Gott treten und bekennen, dass ich gesündigt habe?
- Bin und war ich ein guter Verwalter meiner Talente, die ich von Gott bekommen habe?
– Reicht es aus, um vor Gott, vor dem jüngsten Gericht bestehen zu können?
Deine selbstverschuldete Unmündigkeit macht dich bequem, unselbstständig und manipulierbar, da du die Kontrolle über dein eigenes Denken freiwillig an andere abgibst.
Nach der berühmten Definition des Philosophen Immanuel Kant aus seinem Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? von 1784 ist Unmündigkeit das Unvermögen, dich deines Verstandes ohne die Anleitung eines anderen zu bedienen. Sie ist selbstverschuldet, weil dir nicht der Verstand fehlt, sondern derMut und die Entschlossenheit, ihn auch zu nutzen.
Es ist ungemein komfortabel, nicht selbst nachdenken zu müssen. Kant beschreibt, dass du in diesem Zustand die anstrengenden Aufgaben des Lebens einfach auslagerst
Weil du verlernt hast, eigene Entscheidungen zu treffen, machst du es Instanzen und fremden Personen extrem leicht, sich zu deinen Vormündern aufzuschwingen. Kant vergleicht die Betroffenen mit „Haustieren“, die von ihren Aufsehern absichtlich dumm gehalten und in ein Gatter gesperrt werden. Die Vormünder reden dir kontinuierlich ein, wie gefährlich und beschwerlich ein Schritt außerhalb dieses sicheren Rahmens wäre. Dadurch wächst deine Angst vor dem Scheitern.
Die selbstverschuldete Unmündigkeit wird mit der Zeit zu einer Art zweiten Natur. Da du es fast nie versuchen durftest, hältst du dich irgendwann selbst für unfähig, den eigenen Verstand zu nutzen. Vorgegebene Regeln, Formeln und starre Denkmuster werden zu den „Fußfesseln einer immerwährenden Unmündigkeit“. Selbst wenn du diese Fesseln plötzlich abwirfst, bewegst du dich danach extrem unsicher, weil du freies, eigenständiges Denken schlicht nicht gewohnt bist.
Kant ruft dir mit dem Wahlspruch der Aufklärung entgegen: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Es erfordert Überwindung, Fehler zu riskieren und unbequeme Fragen zu stellen – aber es ist der einzige Weg in ein freies, selbstbestimmtes Leben.
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