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70 Jahre
71229 Leonberg

„Veränderungen wagen“

38 Wann haben wir dich als Fremdling gesehen und haben dich beherbergt, oder ohne Kleidung, und haben dich bekleidet?
39 Wann haben wir dich krank gesehen oder im Gefängnis, und sind zu dir gekommen?
(Mat 25:40, Schlachter)

"Seelische Heilungsprozesse bei Jugendlichen im Seehaus e.V. , ein Strafvollzug in freier Form."

(Von Elisabeth Heinzelmann)

Wie können Jugendliche, die tief verletzt, wütend und orientierungslos sind, einen Neuanfang finden?
Welche Faktoren helfen ihnen, ihre Sicht auf sich selbst, auf andere und auf das Leben zu verändern?

Und welche Rolle spielt der christliche Glaube in solchen Heilungsprozessen?

Diese Fragen prägen unsere Arbeit im Seehaus e.V. Tagtäglich. In dieser Einrichtung leben straffällig gewordene Jugendliche nicht im Gefängnis, sondern in familienähnlichen Lebensgemeinschaften. Dort haben sie die Chance, einen Weg der Veränderung einzuschlagen. Es ist eine intensive Zeit, geprägt von Herausforderungen, aber auch von Beziehungen, Verantwortung und der Einladung zu einem Leben in Freiheit: innerlich wie äußerlich.

„Der Strafvollzug in freien Formen“ - ein ungewöhnlicher Ort für Heilung

Im Seehaus Leonberg und im Seehaus Sachsen leben junge Gefangene gemeinsam mit sogenannten „Hauseltern“ und deren Kindern. In dieser besonderen Gemeinschaft erleben viele von ihnen zum ersten Mal einen verlässlichen, liebevollen Alltag.

Sie entdecken:
- Beziehung kann tragen.
- Nähe kann heilsam sein.
- Regeln können helfen – und wollen nicht (nur) kontrollieren.

Der Alltag im Seehaus folgt einer klagen Struktur: Vom Frühsport über Schule, Arbeit und soziales Träining bis hin zu Reflexionseinheiten, Gesprächen über Werte und Schuld sowie zur Auseinandersetzung mit den eigenen Straftaten. Der christliche Glaube spielt dabei eine zentrale Rolle, in Andachten, Gesprächen, gelebten Vorbildern und in der großen Hoffnung, daß Vergebung das Leben verändert.

Einblicke in die therapeutische Arbeit – Elisabeth Heinzelmann berichte

Elisabeth Heinzelmann arbeitet im Seehaus Leonberg und begleitet Jugendliche in therapeutischen Einzelgesprächen. Sie gewährt einen kurzen Einblick in ihre tägliche Arbeit.

Daniel (Name geändert)
wird von einem Mitarbeiter in das Büro geführt, in dem unsere Gespräche stattfinden. Wir sehen uns heute zum ersten Mal. Ein großer, junger Mann mit athletischer Figur und halblangen, streng nach hinten gekämmten Locken läßt sich lässig auf den mir gegenüberliegenden Stuhl fallen. Ich stelle mich vor, mache etwas Smalltalk und und erkläre die Rahmenbedingungen – meine Schweigepflicht und deren Ausnahmen. Daniel schaut mich kurz an, dann gleitet sein Blick auf den Boden, wo er für die nächste Zeit auch bleibt, als gäbe es dort etwas besonderes Wichtiges zu beobachten. Er beginnt zu erzählen, berichtet, wie gut er mit allem klarkommt, was ihm leichtfällt und wie erfolgreich er in den verschiedenen Bereichen des Seehauses ist. Ich frage: „Warum hatten die Mitarbeitenden die Idee, daß es gut wäre, wenn du mit mir Gespräche führst?“ Er wirkt etwas verstimmt, eine Antwort hat er nicht.

Drei Sitzungen später:
Wir haben die Zeit genutzt, um Vertrauen aufzubauen. Daniel erzählt, er könne nichts fühlen und fragt mich, ob das normal sei. Nun beginnt die eigentliche Arbeit:
Welche Gefühle gibt es?
Wozu sind sie gut?
Welche sind bei dir besonders stark, welche eher schwach?

Schließlich sagt er: Er fühle doch etwas – starke Angst. Sie komme plötzlich, fast immer nachts, wenn er nicht einschlafen könne. Manchmal schläft er nur eine Stunde.
Dennoch beginnt sein Tag früh: mit Frühsport, Duschen, Frühstück, WG-Dienst, stiller Zeit und anschließendem Arbeitstag. Während er tagsüber müde ist, wird er abends im Bett wieder hellwach.

In dieser Sitzung lernt er eine Atemübung kennen. Er ist verblüfft: „Unglaublich! Das wirkt echt stark!“ Ich gebe ihm noch eine Übung gegen Grübeln und Katastrophisieren mit. Wir sprechen über das Gegenteil von Angst: nicht „keine Angst“, sondern Sicherheit, Vertrauen, Mut, Freiheit, Hoffnung. Für jeden dieser Begriffe formuliert Daniel einen Satz, den er mitnimmt, etwa: „Hier ist ein sicherer Ort“ und „Ich vertraue meinem WG-Vater, er will daß es mir gut geht“.

In der nächsten Sitzung bringe ich Maroschka – Puppen aus unbehandeltem Holz mit. „Daniel, was war deine beste Zeit?“
Was war deine schwierigste Zeit?“
Daniel lebte allein mit seiner Mutter, sein Vater hatte die Familie vor Daniels Geburt verlassen. Die Mutter – hochschwanger, ohne Einkommen, ohne familiäre Unterstützung – befand sich vermutlich in einer depressiven Phase. Sie verlor ihre Wohnung und zog später mit dem Kind zu einem neuen Partner. Daniels erste bewußte Erinnerung an Schwierigkeiten datierte er auf sein viertes Lebenjahr:

„Er hat mich geschlagen, wenn ich etwas falsch gemacht hab. Aber ich wußte nie, was ich falsch gemacht habe. Wenn er wieder in Schlägerlaune war, hat er die Jalousien runtergezogen, die Musik laut gemacht – damit es keiner mitbekommt. Das ging so lange, bis ich zurückgeschlagen habe. Danach bin ich abgehauen und habe auf der Straße gelebt, ich glaub, so vier Jahre lang.“...

Fazit
Veränderung ist möglich. Seelische Heilung ist möglich. Jugendliche, die zuvor in Mustern von Gewalt, Angst oder Ohnmacht gefangen waren, können lernen, anders zu leben – mit sich selbst, mit anderen und mit Gott. Das ist unsere tägliche Erfahrung im Seehaus und unsere Hoffnung für jeden einzelnen Jugendlichen, dem wir hier begegnen.

(Elisabeth Heinzelmann ist Diplompädagogin, Systemische Therapeutin, Traumaberaterin beim Seehaus e.V. und Referentin an der Seehaus- Akademie)

[www.deignis.de]


Verfasst: 18.01.2026, 08:44 Uhr
Editiert: 18.01.2026, 08:54 Uhr

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