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"Sanftmut, um die Einheit des Geistes zu bewahren..."

1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gebundene im Herrn, dass ihr der Berufung würdig wandelt, zu der ihr berufen worden seid,
2 indem ihr mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut einander in Liebe ertragt
3 und eifrig bemüht seid, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens:
4 Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung;
(Eph 4:1-4, Schlachter)

Das Wort Sanftmut ist aus unserer Alltagssprache fast verschwunden. Früher; als die Sprache noch stark aus dem religiösem Raum mitbestimmt wurde, war Sanftmut als Ausdruck und Haltung noch gut bekannt. Es beschrieb eine Art von Nachgiebigkeit, wie sie sich für Untertanen gehörte. Natürlich sollte es keine übertriebene Unterwürfigkeit sein, dafür stand die zweite Silbe des Wortes: „Mut“.

Was war ursprünglich mit diesem Ausdruck gemeint?

Das Bild, das hinter dem griechischen Wort Sanftmut steckt, stammt aus einer inzwischen ausgestorbenen Berufsgruppe: den Walkern.
Ihre Aufgabe war, den frisch gewebten Stoff durch „Walkern“ tragfähig zu machen.
Die Gewebe kamen damals nicht so dünn und elastisch aus der Herstellung wie heute. Die damalige Technik bot keine ausreichende Voraussetzung dafür, einen frisch gewebten Stoff sofort zum Tragen zu verarbeiten.
Stoffe und Leder mußten erst mittels bestimmter Handgriffe und „Weichmacher“ gewalkt werden. Erst wenn die Stücke weich und anschmiegsam waren, konnten sie verkauft werden. Der so behandelte Stoff war dann im Sinne unseres Wortes „sanftmütig“.
Später mißbrauchte man das Wort „durchwalken“ auch für die besonders intensive Methode der Bestrafung bei der Erziehung von Kindern.

Abgesehen von unangenehmen Assoziationen haben wir keine Schwierigkeit, uns vorzustellen, wie angenehm sich ein Kleidungsstück anfühlt, das nicht mehr steif und kratzig ist. Im übertragenen Sinn könnte auch ein Mensch so angenehm und „gut zu haben“ sein, wenn er sanftmütig ist.

Die griechische Philosophen meinten, die Sanftmut sei eine Tugend der Weisen, die sich besonders in Fähigkeit ausdrückt, mit Geld, Gütern und Ehrungen souverän umzugehen. Sokrates sprach davon, daß diese Art die Edelgesinnten und wahrhaft Gebildeten auszeichne und die größte Tugend der Frauen sei.

Auch das deutsche Wort Sanftmut ist von seiner Wurzel her sehr interessant. In unseren Sprachgebrauch drang es erst durch Luthers Bibelübersetzung (1552) ein.

Sanft hat ursprünglich einen indogermanischen Wortstamm und bedeutet „eins“ im Sinne von einig. Später entwickelte sich daraus die Vorstellung von „Einssein“ als eine Art des freundlichen Beisammenseins in gegenseitiger Zustimmung. …

Sanftmütige erkennen die Möglichkeiten und bleiben nicht in Schwierigkeiten und Problemen stecken. Sie gehen durch offene Türen und nicht mit dem Kopf durch die Wand. Ihre Lebensart ist nicht abhängig von festen Formen und Formeln.
Ihre Beweglichkeit schließt die Möglichkeit mit ein, sich nicht nur innerlich, sondern wenn nötig, auch granz praktisch auf den Weg zu machen und unter Umständen Haus und Hof Stadt oder Land, vielleicht sogar ihre Tradition zu verlassen. An jedem neuen Ort werden sie sich schnell wieder einleben und nicht lange Fremdkörper bleiben. Flexible Menschen sind erfinderisch, das jeweils Angemessene zu endecken und das Entsprechende zu tun.

Sanftmütige kämpfen nicht um Macht oder Recht und wollen andere auch nicht um jeden Preis von ihrer Wahrheit überzeugen. Sie fühlen sich dem Leben verpflichtet und haben ein Gespür für das neue Leben, ganz gleich, in welcher Gestalt es sich zeigen mag.

(Wilhard Becker)


Verfasst: 17.04.2026, 07:22 Uhr
Editiert: 17.04.2026, 19:38 Uhr

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