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"Es schlich sich aber der Gedanke bei ihnen ein,..."

„Der Dienst“

46 Es schlich sich aber der Gedanke bei ihnen ein, wer wohl der Größte unter ihnen sei.
47 Da nun Jesus die Gedanken ihres Herzens sah, nahm er ein Kind und stellte es neben sich;
48 und er sprach zu ihnen: Wer dieses Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer der Geringste ist unter euch allen, der wird groß sein! (Luk 9:46-48, Schlachter)


„Es kam auch ein Gedanke unter sie, welcher unter ihnen der Größte wäre“

Wer diesen Gedanken unter die christliche Gemeinschaft sät, wissen wir. Vielleicht bedenken wir aber nicht genug, daß keine christliche Gemeinschaft zusammenkommen kann, ohne daß alsbald dieser Gedanke auftaucht als Saat der Zwietracht. Kaum daß Menschen beieinander sind, müssen sie anfangen, einander zu beobachten, zu beurteilen, einzuordnen. Damit hebt schon im Enstehen christlicher Gemeinschaft ein unsichtbarer, oft ungewußter, furchtbarer Streit auf Leben und Tod an.

„Es kam auch ein Gedanke unter sie“- das genügt, um die Gemeinschaft zu zerstören. Darum ist es für jede christliche Gemeinschaft lebensnotwendig, daß sie von der ersten Stunde an diesen gefährlichen Feind ins Auge faßt und ausrottet. Hier ist keine Zeit zu verlieren; denn vom ersten Augenblick der Begegnung mit dem Andern an sucht der Mensch nach der Kampfstellung, die er dem Andern gegenüber beziehen und durchhalten kann. Da sind Starke und und Schwache; ist er selbst nicht stark, nun, so ergreift er alsbald das Recht des Schwachen als sein eigenes und führt es gegen die Starken. Da sind Begabte und Unbegabte, Einfache und Schwierige, Fromme und weniger Fromme, Gemeinschaftsmenschen und Eigenbrödler. Hat nicht der Unbegabte ebenso eine Position zu beziehen wie der Begabte, der Schwierige wie der Einfache? Und bin ich nicht begabt, so bin ich doch vielleicht Fromm, oder bin ich fromm, so will ich es auch gar nicht sein....

Welcher Mensch fände nicht mit instinktiver Sicherheit den Ort, an dem er stehen und sich verteidigen kann, den er aber nie und nimmer einem anderen einräumen wird, um den er kämpfen wird mit seinem ganzen Trieb zur Selbstbehauptung?
Das alles kann unter den zivilsten oder auch frömmsten Formen geschehen, aber es kommt darauf an, daß eine christliche Gemeinschaft weiß, daß ganz gewiß irgendwo „ein Gedanke unter sie kam, wer der Größte unter ihnen wäre.“
Es ist der Kampf des natürlichen Menschen um Selbstrechtfertigung. Er findet sie nur am Vergleich mit dem andern, am Urteil, am Gericht über den andern. Selbstrechtfertigung und Richten gehört zusammen, wie Rechtfertigung aus Gnaden und Dienen zusammengehört.
…
(Dietrich Bonhoeffer, „Gemeinsames Leben“)


Verfasst: 12.09.2026, 07:03 Uhr
Editiert: 12.09.2026, 07:15 Uhr

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