2 Einer trage des anderen Lasten, und so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen!
3 Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst. (Gal 6:2-3, Schlachter)
So ist das Gesetz Christi ein Gesetz des Tragens. Tragen ist ein Erleiden. Der Bruder ist dem Christen eine Last, gerade dem Christen. Dem Heiden wird der Andere gar nicht erst zur Last. Er geht jeder Belastung durch ihn aus dem Wege, der Christ muß die Last des Bruders tragen. Er muß den Bruder erleiden. Nur als Last ist der Andere wirklich Bruder und nicht beherrschtes Objekt. Die Last der Menschen ist Gott selbst so schwer gewesen, daß er unter ihr ans Kreuz mußte. Gott hat die Menschen am Leibe Jesu Christi wahrhaftig erlitten. So aber hat er sie getragen, wie eine Mutter ihr Kind, wie ein Hirte das verlorene Lamm. Gott nahm die Menschen an, da drückten sie ihn zu Boden, aber Gott blieb bei ihnen und sie bei Gott. Im Erleiden der Menschen hat Gott Gemeinschaft mit ihnen gehalten. Es ist das Gesetz Christi, das im im Kreuz in Erfüllung ging. An diesem Gesetz bekommen die Christen teil. Sie sollen den Bruder tragen und erleiden, aber, was wichtiger ist, sie können nun auch den Bruder tragen unter dem erfüllten Gesetz Christi.
Auffallend oft spricht die Schrift vom Tragen. Sie vermag mit diesem Wort das ganze Werk Jesu Christi auszudrücken. „Fürwahr er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen, die Strafe lag auf ihm, auf daß wir Frieden hätten“ (Jes 53:4)
4 Fürwahr, er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen; wir aber hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt....
6 Wir alle gingen in die Irre wie Schafe, jeder wandte sich auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Schuld auf ihn. (Jes 53:4-6)
Sie kann darum auch das ganze Leben der Christen als Tragen des Kreuzes bezeichnen. Es ist die Gemeinschaft des Leibes Christi, die sich hier verwirklicht. Es ist die Gemeinschaft des Kreuzes, in der einer die Last des anderen erfahren muß. Erführe er sie nicht, so wäre es keine christliche Gemeinschaft. Weigerte er sich, sie zu tragen, so verleugnete er das Gesetz Christi.
Es ist zuerst die Freiheit des Andern, von der wir früher sprachen, die dem Christen eine Last ist. Sie geht gegen seine Selbstherrlichkeit und doch muß er sie anerkennen. Er könnte sich dieser Last entledigen, indem er den andern nicht freigäbe, sondern vergewaltigte, ihm sein Bild aufprägte. Läßt er aber Gott sein Bild an ihm schaffen, so läßt er ihm damit die Freiheit und trägt selbst die Last solcher Freiheit des andern Geschöpfes. Zur Freiheit des Andern gehört all das, was wir unter Wesen, Eigenart des Andern verstehen, gehören auch die Schwächen und Wunderlichkeiten, die unsere Geduld so hart beanspruchen, gehört alles, was die Fülle der Reibungen, Gegenstätze und Zusammenstöße zwischen mir und dem Andern hervorbringt. Die Last des Andern tragen heißt hier, die geschöpfliche Wirklichkeit des Andern ertragen, sie bejahen und in ihrem Erleiden zur Freude an ihr durchdringen.
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(Dietrich Bonhoeffer, „Gemeinsames Leben“)
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