Die theologische Frage nach dem Sinn des Kreuzes
Zur theologischen Einordnung von Sühnetod, Erlösung und kosmischer Wiederherstellung
In diesem Beitrag möchte ich ein theologisches Problem behandeln, das seit Jahrhunderten zu den zentralen Streitfragen der christlichen Theologie gehört und dessen Bedeutung zu groß ist, um sich einer eigenen Positionierung zu entziehen.
Es geht dabei um den Bereich der Soteriologie, Christologie und Sühnetodlehre. Die grundlegende Frage scheint zunächst einfach zu sein: Warum und wofür hat sich Jesus Christus am Kreuz von Golgatha geopfert?
Viele Christen, die nicht tiefer in theologischen Fragestellungen verwurzelt sind, beantworten diese Frage damit, dass Jesus Christus für unsere Sünden ans Kreuz gegangen sei und mit seinem Blut für unsere Schuld bezahlt habe. Diese Antwort ist nicht grundsätzlich falsch, jedoch wird ihre Bedeutung meines Erachtens stark überhöht. Darüber hinaus erscheint die zugrunde liegende Sühnenkausalität in dieser Perspektive verkürzt und theologisch verschoben.
In diesem Beitrag möchte ich daher versuchen, eine aus meiner Sicht wahrscheinlichere und ursprünglicher begründete Antwort auszuarbeiten. Dabei stütze ich mich – wie gewohnt – auf die frühe christliche Lehre sowie auf die innere Logik der biblischen Aussagen.
Zunächst muss betont werden, dass es mehrere Beweggründe für den Kreuzestod Christi gibt. Es existiert nicht lediglich ein einzelner Grund, sondern vielmehr ein komplexes Geflecht theologischer Zusammenhänge, die in der Heiligen Schrift genannt werden und gleichermaßen Beachtung verdienen. Dennoch unterscheiden sich diese Aspekte in ihrer theologischen Gewichtung, insbesondere dann, wenn man ihre logische und ontologische Ordnung betrachtet.
In der heutigen westlichen Christenheit wird überwiegend gelehrt, dass Jesus Christus primär deshalb ans Kreuz gegangen sei, um für die Schuld der Menschen zu bezahlen. Diese Sichtweise wird allgemein als Satisfaktionslehre bezeichnet und häufig so dargestellt, als entspreche sie unmittelbar der ursprünglichen apostolischen Überlieferung. Historisch betrachtet ist dies jedoch keineswegs selbstverständlich.
Die klassische Satisfaktionslehre wurde maßgeblich von Anselm von Canterbury in seinem Werk Cur Deus Homo („Warum Gott Mensch wurde“) formuliert. Später wurde sie unter anderem von Johannes Calvin weiterentwickelt, insbesondere hin zur sogenannten Penal-Substitution-Theorie, in der der Kreuzestod Christi als stellvertretende Strafübernahme verstanden wird. Dadurch etablierte sich zunehmend eine forensische beziehungsweise rechtliche Sichtweise des Erlösungsgeschehens. Im 13. Jahrhundert wurde diese Lehre durch Theologen wie Thomas von Aquin fest in der mittelalterlichen westlichen Theologie verankert und später innerhalb der reformatorischen Tradition weiter ausgebaut.
Das bedeutet, dass diese spezifische Ausprägung der Sühnetodlehre erst viele Jahrhunderte nach der apostolischen Zeit (erst nach ca. 1400 Jahren) systematisch formuliert wurde und in ihrer späteren Dominanz die ältere Sichtweise teilweise verdrängte.
Die ursprüngliche und klassische Lehre der Apostel und frühen Kirche wird häufig als „Christus-Victor-Lehre“ bezeichnet. In dieser Perspektive erscheint Jesus Christus primär als Sieger über die Mächte der Finsternis. Durch Kreuz und Auferstehung besiegt er Tod, Sünde und die widergöttlichen Mächte und stellt die kosmische Ordnung der Schöpfung wieder her.
Das bedeutet: Jesus Christus ist demnach nicht primär wegen der individuellen menschlichen Schuld ans Kreuz gegangen, sondern zur kosmischen Wiederherstellung und zum endgültigen Sieg über das Böse und die Finsternis.
Auf den ersten Blick mag diese ontologische beziehungsweise kosmologische Christologie der Satisfaktionslehre oder der Penal-Substitution-Theorie zu widersprechen scheinen. Bei genauerer Betrachtung muss dies jedoch nicht der Fall sein. Denn die Christus-Victor-Lehre bestreitet keineswegs, dass der Kreuzestod auch eine versöhnende und sühnebezogene Dimension besitzt. Vielmehr ordnet sie diese Dimension in eine untergeordnete Stellung ein, die sich aus der eigentlichen Ursache des Erlösungsgeschehens ergibt. Gerade darin sieht diese Perspektive ihre theologische Grundstruktur.
Die zentrale Kritik an einer überbetonten Satisfaktionslehre besteht darin, dass sie nach dieser Sichtweise eine Bedeutung erhält, die ihr ursprünglich nicht zukam. Vereinfacht gesagt geht es um die Unterscheidung zwischen Ursache und Symptom, zwischen ontologischer Wurzel und deren sichtbaren Folgen.
Die menschliche Schuld und Sündhaftigkeit wären demnach nicht die eigentliche Wurzel des Problems, sondern dessen Symptom. Schuld erscheint in dieser Argumentation als eine Form von „Umstandsschuld“, da der Mensch selbst innerhalb einer bereits gefallenen Ordnung existiert. Würde man die Satisfaktionslehre zur eigentlichen Wurzel des Erlösungsgeschehens machen, entstünde aus dieser Sicht ein theologisches Problem: Der Tod Christi könnte dann so verstanden werden, als hätte das Böse letztlich den Sohn Gottes überwunden. Dies würde jedoch die gesamte eschatologische Hoffnung des christlichen Glaubens untergraben.
Die eigentliche Wurzel liegt daher – entsprechend der Christus-Victor-Lehre – im Bösen selbst sowie im kosmischen Ungleichgewicht der gefallenen Schöpfung. Christus bekämpft primär diese Mächte und triumphiert durch seine Auferstehung über sie. Die Sünde hat ihre Ursache demnach in der Trennung von Gott und in der Macht des Bösen; der Mensch erscheint hierbei weniger als Ursprung der Sünde denn als Opfer der Verführung. Dieses Prinzip ist entscheidend, da andernfalls die theologische Ordnung vertauscht wird und Symptome an die Stelle der eigentlichen Ursache treten.
Ein möglicher Grund für die Abkehr von der ursprünglichen ontologischen Sichtweise liegt möglicherweise in der zunehmenden Verweltlichung theologischer Denkmodelle. Bei vielen späteren Theologen lässt sich beobachten, dass man sich von einer stärker kosmologischen und ontologischen Exegese entfernte, um den Glauben für das einfache Volk greifbarer und rational verständlicher zu machen. Ähnliche Entwicklungen lassen sich etwa in der Engellehre oder in Aussagen über das Wesen Gottes erkennen. Eine stark kosmologisch geprägte Christologie passte in diese Entwicklung naturgemäß weniger hinein.
Gerade deshalb bleibt die Bibel selbst ein entscheidender Maßstab, um die ursprüngliche Ausrichtung einer Lehre zu prüfen. Die Schrift enthält zahlreiche Stellen, die der Christus-Victor-Perspektive eine zentrale Bedeutung zuschreiben:
Psalm 110,1 Von David. Ein Psalm. Spruch des HERRN für meinen Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde gemacht habe zum Schemel deiner Füße! (Elb)
Kolosser 2,15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus. (Lut)
Hebräer 2,14-15 Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hatte er gleichermaßen daran Anteil, auf dass er durch den Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel, und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten. (Lut)
1. Johannes 3,8 Wer Sünde tut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1. Korinther 15,54-57 Wenn aber dieses Vergängliche Unvergänglichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: »Verschlungen ist der Tod in Sieg.« »Wo ist, Tod, dein Sieg? Wo ist, Tod, dein Stachel?« Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde aber das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus! (Elb)
Johannes 12,31 Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen werden. (Lut)
Offenbarung 12,10-11 Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder und Schwestern ist gestürzt, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott. Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis hin zum Tod. (Lut)
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